Heimspiel oder nicht? Die 23. Lokalrundfunktage in Nürnberg.

Die 23. Lokalrundfunktage in Nürnberg drehen sich rund um die Bedeutung und die Positionierung des Lokalen in der veränderten Medienlandschaft. Bei der Verleihung des BLM-Hörfunk- und Fernsehpreises überrascht main.tv mit einem Mehrfacherfolg.

Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) feiert ihr 30jähriges Bestehen und die Medienwelt steckt mitten in einem der bedeutendsten Umbrüche ihrer Geschichte. Wie können sich die lokalen Radio- und Fernsehsender in der neuen Medienwelt platzieren? Wie Nutzer halten oder sogar dazu gewinnen? Neue digitale Möglichkeiten und Konkurrenten stellen die traditionellen Medien vor große Herausforderungen. Es herrscht großer Bedarf an Diskussion und Austausch.

Da ist es nicht verwunderlich, dass die rasant fortschreitende Digitalisierung auch dieses Jahr Schwerpunkt der Lokalrundfunktage in Nürnberg war, die von der BayMS, einer Tochtergesellschaft der BLM, ausgerichtet werden. Es ist ein Markt, der sich schnell ändert. Konzepte, Marken, ganze Unternehmensstrukturen müssen angepasst werden. Und das in einem Markt, der mit meist geringen Mitteln ausgestattet ohnehin noch Luft nach oben hat. Von der Stunde der Wahrheit war die Rede. Wer in den nächsten Jahren den Einstieg ins Multimediale nicht schaffe, gehe unter, sagte Yvonne Malak, Unternehmenscoach und Autorin. „Wir befinden uns an einem Scheitelpunkt“, fasste es Siegfried Schneider, Präsident der BLM, in seiner Eröffnungsrede zusammen.

Schneider hatte aber auch gute Nachrichten zu verkünden. So haben die lokalen Hörfunksender laut der aktuellen Funkanalyse Bayern ihre Marktanteile gehalten. Das Lokalfernsehen konnte die Anteile dank der neuen digitalen Satellitentechnik sogar ausbauen. Schneider schwor die Sender auf ihre große Stärke ein: „Sie haben den Heimvorteil“, sagte er zu den Gästen. Und wie die Radio- und Fernsehstationen den nutzen können, darum drehte sich das vielfältige Programm der Lokalrundfunktage. Die BayMS hat zusammen mit den Kooperationspartnern für die über 1000 Teilnehmer zahlreiche Workshops und Vorträge zusammengestellt und dazu über 60 Referenten eingeladen.

Zum Auftakt der Veranstaltung aber blickte man zunächst auf die Höhepunkte und die gelungenen Leistungen des vergangenen Rundfunkjahres zurück. Die Jury rund um den Vorsitzenden Dr. Torsten Rossmann von der Welt N24 GmbH zeichnete die besten Beiträge mit dem BLM-Hörfunk- und Lokalfernsehpreis aus. In der Kategorie Fernsehen wurden gleich drei Produktionen des Senders main.tv mit dem mit 3000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet. Maria Urbanczyk überzeugte mit ihrem Beruferanking „Versicherungsmakler vs. Feuerwehrmann“ in der Kategorie „Unterhaltung und Comedy“, Carolin Wurtinger erhielt für ihren kreativ gestalteten Beitrag zur Baustellensituation in Alzenau den Nachwuchspreis und Jens Pflügler und Dominik Stapf wurden für ihre Sammlung aus über 80 Einminütern zum Thema „Unsere Heimat – Unsere Wohlfühlregion“ in der Kategorie „Werbung und Promotion“ ausgezeichnet. Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly war zu Gast und überreichte Adrian Roser vom Franken Fernsehen den Preis in der Kathegorie „Beste Moderation“ für seine sehr animierende Anmoderation zum Freundschaftsspiel Deutschland gegen Gibraltar, das in Nürnberg stattgefunden hat.

Im Bereich Radio teilten sich u.a. HITRADIO RT1 und Radio Mainwelle die Auszeichnungen auf. Christian Höreth von Radio Mainwelle erhielt für seine Reportage in einer Flüchtlingsunterkunft den Preis „Aktuelle Berichterstattung und Information“. Mit der Aktion „Der erste Augsburger im All“ hat HITRADIO RT1 im letzten Jahr bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Der Sender ließ den Kasperl aus der Augsburger Puppenkiste ausgestattet mit Kameras mit einem Heliumballon aufsteigen, bis der platzte – und auch wieder auf die Erde fallen. „Augschburg in Space“ erhielt den Preis „Werbung und Promotion“. Die multimediale Aktion dürfte, ähnlich wie die übrigen Vorträge der Lokalfunktage eine Inspirationsquelle für die bayerischen Radio- und Fernsehschaffenden gewesen sein.

Preistraeger

Ist das Lokale auch so ein Heimvorteil oder besser: ist es wirklich ein Heimvorteil? Diese Frage wurde kontrovers diskutiert. Yvonne Malak sieht es eher als den berühmten Tupfen auf dem „i“. Wichtig sei es, sich schon beim Stil der Musik deutlich zu platzieren, die Nutzer zu kennen, seine Ansprache daran auszurichten und dann ein rundes Produkt zu schaffen, das alle sinnvollen Plattformen bespielt. Ganz anders sieht es Martin Kunze, Programmdirektor bei Antenne Bayern. „Lokaler Bezug birgt Stärken“, sagte er und plädierte darauf, sich geistig für eine neue Rolle zu öffnen. Lokales Radio könne auf allen Kanälen mehr denn je als vernetzendes Element dienen, auch noch stärker auf Nutzer zugeschnittenen Service anbieten, zum Beispiel im Internet Nachrichten langsam vorgelesen oder in Großschrift gezeigt.

Das große Schreckenswort – noch größer als „Apple-Radio“ – war „Youtube“. Hörermarktforscherin Alison Winter von der BBC lieferte dazu auch Nutzerdaten aus Großbritannien. „Früher war Radio das Nebenbei-, das Sekundärmedium“, sagte sie. „Heute ist Internet das Nebenbei-Medium zum Fernsehen.“ Aus den erhobenen Daten ließen sich aber auch sinnvolle Verschränkungen und Schwerpunkte zwischen Online und Live-Radio für den Sender Radio 2 konstruieren. So stellte sich Montag als „On Demand“-Tag heraus, an dem die Nutzer das am Wochenende Verpasste nachholten. Freitag eignete sich als Einstimmung für das Wochenende eher für das Live-Programm. Am Sonntag überraschte die Sendung „Sunday Love Songs“ als Publikumsliebling. Der Sender entwickelte daraufhin ein Hybridangebot für Internet und Live-Radio.

Ihr dänischer Kollege Peter Niegel, der für Danmark’s Radio eine Studie zur Nutzung von On-Demand-Elementen durchgeführt hat, ermutigte die Besucher, diese Strategie nicht aus den Augen zu verlieren. Noch liegt der Marktanteil weit unter zehn Prozent. Eine sinnvoll gestaltete Oberfläche helfe aber langfristig dabei, die jüngeren Nutzer zu akquirieren, sagte Niegel.

Gerade die jüngeren Nutzer sind es, die den Medienmachern Kopfzerbrechen bereiten. Die aktuelle Funkanalyse Bayern zeigt, dass vor allem Ältere ab 40 Jahren die lokalen Angebote nutzen. Sollte man sich um die Jungen bemühen und wie kann man sie für sich gewinnen?

In der Runde „New (Local) TV“ wurde das besonders kontrovers diskutiert. Marlies Witsch von TirolTV zeigte anhand ihrem SocialMedia Rückblick, dass lokal und jung sich nicht ausschließen und jugendkonforme Formate auch generationenübergreifend Erfolg haben können. Für das Format darf sich ein junges Team konzeptionell austoben und über Neuigkeiten aus der Netzwelt berichten. Unter den Rückmeldungen zur Sendung fänden sich sogar einige von älteren Zuschauern, die sich freuten, so mit den neuen Medien und den jüngeren Leuten in Berührung zu kommen und zu bleiben, sagt Witsch.

Marcel Wagner vom RegioTV Schwaben dagegen sah es als unwahrscheinlich an, erfolgreich auf junge Zielgruppen zugehen zu können. Die Konkurrenz, die von den mittlerweile sehr professionellen Onlineanbietern ausgehe, sei zu stark. Nicht zuletzt scheitere es an der technischen Umsetzung, sagte er. Viele Lokalsender strahlen im SD-Format aus, was auf den Smartphones nicht ansprechend abgebildet werden kann. Er setzt lieber auf solide produzierte, lokale Inhalte, wenn es sein muss für ältere Zuschauer, als den Jungen mit Experimenten hinterher zu jagen.

Inzwischen ist RegioTV Stuttgart bereits einmal gelungen, was in der Diskussionsrunde noch als nahezu unmöglich festgestellt worden war: Der Sender konnte einen lokalen Facebook-Star für eine Kooperation gewinnen, obwohl Internet- und Youtube-Stars sonst nicht ins Fernsehen drängen. Michael Scheyer betreute das Format „Unnützes Stuttgartwissen“ mit Themen von Patrick Nikolay. Das Konzept: Lockere Kurzfilme zu kleinen Anekdoten über Stuttgart. Sie wurden zunächst im Fernsehen gezeigt, dann konnte sie der Facebooker Nikolay zeitversetzt für seine Gemeinde auf der Plattform platzieren. So brachte sich der Sender auch beim jüngeren Publikum ins Gespräch.

Während man in obiger Runde diskutiert, ob man sich nicht besser auf die eigene Lokalität als Marke konzentrieren solle, hatte Erman Aykurt einen wichtigen Tipp parat, wie die sogenannten Millenials zu gewinnen seien. Die Altersgruppe der 20-30-Jährigen gilt als besonders kritisch. Der Ratschlag des Spezialisten für Marketing im Sportartikelbereich: Empathie. „Für die Natur gilt: Jedes Tier, auf das gezielt wird, flieht“, sagt er. „Die Millenials sind so gesehen die scheuen Tiere. Sie wollen keine Zielgruppe sein.“

Auf die Schwierigkeiten der Radiosender bei der Akquise von Werbekunden hatte Sam Crowther von von der Bauer Media UK eine Antwort. Der Brite stellte eine Alternative zur sogenannten Kaltakquise vor: Es komme darauf an, den potenziellen Kunden die Wirkung gut gelungener Werbebeiträge in Präsentationen zu demonstrieren, war seine Botschaft. Es gehe um Emotionalität, die von den Werbekunden selbst gelebt werden müsse.

In die Reihe der ausländischen Inspirationsquellen gehört auch der Österreicher Robert Vadja vom P3TV Sankt Pölten. Er lieferte eine Anregung, wie die Sender sich selbst durch neue Inhalte und Umsetzungen attraktiver machen können. Er berichtete vom großen Erfolg seiner interkulturellen Sendung, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema Migration befasst, Kulturfeste begleitet, Vereine besucht. Nachahmern rät er: Wer so ein Format aufbauen will, braucht unbedingt jemanden, der über gute Kontakte in die Szene verfügt.

Bei Max Ruppert, Elke Thimm und Fabian Werba ging es dagegen hoch her. Das Team lieferte nicht nur Bilder von der Tagung aus der Vogelperspektive. Es unterbreitete dem Publikum neue Bildtechniken und Formate mit der Drohne. „Es geht nicht nur darum, mal von oben was zu zeigen“, sagte Max Ruppert. „Man kann den Flug als Rampe nutzen oder für eine Anmoderation oder neue Perspektiven schaffen, zum Beispiel: „Ich, die Biene“.“ Zu beachten seien dabei unbedingt die gesetzlichen Regelungen. Tatsächlich muss für so eine Drohne bei der Obersten Luftfahrtbehörde eine Aufstiegsgenehmigung eingeholt werden. Max Ruppert erbat aber auch besonderes ethisches und moralisches Feingefühl: „Bei der Drohne ist das Gerät erstmals vom Menschen entkoppelt“, sagte er. Deswegen müssten die Teams vorab vielmehr kommunizieren und informieren, um Ängsten vorzubauen.

Wright Bryan aus Washington konnte den Deutschen seinen US-amerikanischen Radiosender npr als beispielhaft im Umgang mit den neuen Medien vorstellen. Die Facebookseite des Senders hat über 4,4 Millionen Likes aus aller Welt. Sie speisen sich unter anderem aus Aktionen, die die Hörer und Nutzer mit einbeziehen. Zum Beispiel verfolgte das Team ein T-Shirt von seiner Entstehung über den Transport bis nach Amerika.

Gemeinschaft schaffen, das hörte man von vielen Referenten, es ist das große Schlagwort der Digitalisierung. Sie wirkt dem Trend entgegen, der alles immer mehr automatisiert und anonymisiert. Online geht es unter anderem darum, die Nutzer an sich zu binden. Dazu gehört bei npr Washington auch die Erreichbarkeit der Redakteure, jeder hat auch vermeintlich private Profile auf weiteren Plattformen, auf denen er persönlich postet.

Wie über soziale Netzwerke eine Radiosendung geschaffen werden kann, die gemeinsam von Hörern und Redakteuren gestaltet wird, demonstrierten Andreas Kuhlage und Jens Hardeland von N-JOY. Für ihren Mittelfingermittwochsong holen sie sich unter anderem von den Netzwerk-Usern Anregungen über Missgeschicke, die den Nutzern an dem Tag passiert sind. Das taten sie übrigens auch im Saal und sorgten mit spontanen Versen für Erheiterung.

Was die Umsetzung angeht, lernten die Messe-Besucher besonders eines: Plötzlich ist die Konzept-Tombola wieder offen. Wenn Hochkantvideos vor ein paar Jahren noch verpönt waren – jetzt sind sie legitim. Wackelbilder, schnelle Schnitte, ungewöhnliche Perspektiven, alles ist wieder drin. Radio sollte visuell mitdenken, überhaupt sollte laut Kathrin Ruther vom MDR Entwicklungslabor jeder vor einer Recherche einen weiteren Kanal mitdenken. Außerdem sei es wichtig, das richtige Format auszusuchen. Ein Katzenvideo funktioniere in Deutschland auf Twitter nicht, weil die Plattform hier eher nachrichtlich genutzt wird.

Es ist eine lange Liste Details, an die zu denken ist, die abzuarbeiten ist. Die neuen Medien bieten Chancen, die Verschränkung lokal und online scheint machbar. Martin Kunze von Antenne Bayern spricht dennoch klar aus, womit die Sender rechnen, worauf sie sich einlassen müssen. „Die größte Herausforderung ist die Wandlung des Teams“, sagte er. Kulturwandel müsse integriert und ein Interessensausgleich zwischen Alt und Neu geschaffen werden. Denn: „Beides hat seine Berechtigung“, sagt Kunze. Zudem müssten dringend Daten generiert werden, um ein rundes Produkt auf mehreren Kanälen zu liefern, also im Radio, online und als App. Für die Übergangszeit, also die nächsten Jahre, bedeute das 200 Prozent an Arbeitsaufwand, um das Primärprodukt und die Schulung zu stemmen. Aber: „Wenn Apple es kann, können wir es erst recht“, sagt Kunze. Oder mit Wright Bryan gesprochen: „Die Zukunft ist keine Plattform, sie ist ein Prozess.“