Nachrichten und Service sind die Pflicht – gute Unterhaltung und aufwändige Beiträge die Kür im Lokalfernsehen. Ob innovativer Talk, informatives und serviceorientiertes Frühstücksfernsehen oder die außergewöhnliche Reportage – der Mut zur „Format”-Lücke muss nicht nur die Zuschauer überzeugen, sondern auch in der Bilanz Vorteile bringen. Doch wer sich traut, abseits der eingefahrenen Formate originelle Ideen umzusetzen, wird mit Erfolg belohnt – wie die Referenten zeigen.
Von Haustüre zu Haustüre mit Mut zur Lücke
Der Mut zur Lücke als Erfolgsrezept? Dass sich Experimente mit bewährten Formaten im Lokalfernsehen durchaus lohnen, wird beim Workshop zum Thema „Frühstücken, Talken, Filme zeigen“ deutlich. Allerdings nur dann, wenn die Experimentierfreude nicht nur beim Zuschauer gut ankommt, sondern auch in der Bilanz Vorteile bringt.
Wie innovatives Lokalfernsehen aussehen kann, wenn das Rezept aufgeht, wird von den geladenen Referenten anhand zahlreicher Beispiele gezeigt.
Die Schweizer Moderatorin und Videojournalistin Sara Bachmann, gibt Einblick in ihre Sendung und gleichnamige Produktionsfirma „Sara macht’s“, die vor drei Jahren erstmals auf Tele M1 ausgestrahlt wurde und mittlerweile auf vier regionalen Fernsehstationen der deutschsprachigen Schweiz läuft. Um verstärkt auch das jüngere, männliche Publikum anzusprechen, produziert sie gemeinsam mit einem Kollegen. Das Format wird einmal wöchentlich ausgestrahlt. Sara Bachmann setzt vor allem auf Authentizität. Sie rät, „vor der Kamera so zu sein, wie man sich auch im Alltag gibt“. Außerdem sieht sie in der lokalen Bindung einen großen Vorteil. Ihrer Meinung nach „möchten die Zuschauer etwas sehen, das exklusiv ist, das nur in ihrer Region gezeigt wird und das sie mit ihrem Zuhause verbinden“.
Auch der Fernseh- und Filmemacher David Gross plädiert für mehr Nähe zur Zuschauerschaft und „wirkliches Interesse an den Lebensgeschichten der Menschen von nebenan“. Doch im Gegensatz zu „Sara macht’s“ besticht seine Sendung „Gross am Land“ nicht durch schnelle Schnitte, sondern durch Langsamkeit. Die 15 minütige Sendung, die wöchentlich auf TV Salzburg ausgestrahlt wird, versteht sich als eine Art “Hommage an Michelangelo Antonionis” – für das Lokalfernsehen. Hier kommen ganz normale Menschen zu Wort – und das ohne Punkt und Komma. Denn Gross ist offen für einen natürlichen Gesprächsverlauf, greift kaum ein und wird dabei vom Interviewer auch mal zum Interviewten. Für seine neu entdeckte Langsamkeit konnte David Gross gar Red Bull überzeugen, einen Konzern, der sich bislang eher durch Sponsoring hitziger, aktionsgeladener Events einen Namen gemacht hat. Damit ist neben Gross’ Leidenschaft an der Sache auch die Finanzierung gesichert.
Dass man nicht unbedingt viel Geld in eine Produktion stecken muss, dafür aber umso mehr Einsatzbereitschaft und Ideenreichtum, wird am Beispiel von „heimatfilm“ deutlich. Die 45 minütige Sendung, die drei Mal wöchentlich live auf dem Kölner Sender center.tv läuft, lebt in erster Linie von der Einsatzbereitschaft der leitenden Redakteurin Kathrin Raabe und der beiden Moderatoren Uli Wolter und Steffen Reeder. Eingeladen werden in erster Linie junge Künstler aus dem Raum Köln, die qualitativ hochwertige und interessante Projekte vorweisen können, für die es aber bislang kein Forum gab. Emotionale Bindung ist auch hier die Devise. Die Zuschauer sollen sich mit den Gästen identifizieren können. Kathrin Raabe und Uli Wolter möchten sich in der Sendung “Zeit nehmen für Gespräche. Denn ein gutes Gespräch muss auch mal länger als fünf Minuten dauern dürfen, damit man den Gast überhaupt kennenlernen kann“. Bis zu 15 Minuten reine Gesprächszeit sind bei „heimatfilm“ möglich.
Auch Marion Schieder, Moderatorin und Redakteurin bei münchen.tv, spricht sich für die Nachricht „von Haustüre zu Haustüre“ aus. Denn dadurch lässt sich die Zuschauerschaft besonders gut binden. „Man muss die Augen offen halten für die kleinen Geschichten, an die der Zuschauer bereits anknüpfen kann, die ihn nicht überfordern, sondern langsam in den Tag bringen.” Man darf gespannt sein, ob sich die Neuentdeckung der Langsamkeit tatsächlich durchsetzen kann.
Verfasserin: Stephanie Müller