Wird das Webradio mobil?

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Ein Artikel von Mario Gongolsky.

Mit dem Funk-Internet droht künftig die letzte Bastion der terrestrischen Hörfunkversorgung zu fallen. Das Radio sieht im mobilen Internet Entwicklungschancen. Apps mit denen etablierte Radiomarken ihr Programm nutzbar machen, entpuppen sich als Download-Könige. Ob Antenne Bayern, FFH oder WDR: Der Versuch, Radio mit einem bekannten Namen auf dem iPhone auszuprobieren, geht mit einer Wiederentdeckung der Programme einher. Im stationären Bereich scheint das Internetradio kaum noch aufzuhalten… Der Radiohörer hat das Internet als Hör-Oase für sich entdeckt. Längst nicht mehr nur am PC-Arbeitsplatz, sondern zunehmend auch in Küche und Wohnzimmer. Mit dem Funk-Internet – als Füllmittel gegen weiße Flecken in der Breitbandversorgung der Republik ausgelobt – droht künftig die letzte Bastion der terrestrischen Hörfunkversorgung zu fallen.

Wir sind online. Immer öfter und immer öfter überall. Durch Apples iPhone, gehört der Anblick der mobilen Internetnutzung zum Alltag. Bei den Nutzungsmöglichkeiten spielt das Radio in der ersten Reihe: Die kleinen Programme für das iPhone – Apps genannt – mit denen etablierte Radiomarken ihr Programm nutzbar machen, entpuppen sich als Download-Könige. Ob Antenne Bayern, FFH oder WDR: Der Versuch, Radio mit einem bekannten Namen auf dem iPhone auszuprobieren, geht mit einer Wiederentdeckung der Programme einher.

Kaum aufzuhalten

Im stationären Bereich scheint das Internetradio kaum noch aufzuhalten. Alle namhaften Hersteller bieten WLAN-Internetradiogeräte an. Die britische Firma Reciva, der führende Chipsatzhersteller für die neuartigen WLAN-Radiogeräte, erwartet für 2009 wird einen Absatz von mehr als drei Millionen Endgeräten. Die WLAN-Webradiogeräte würden damit erstmalig die weltweiten Verkaufszahlen der DAB-Digitalradios überholen.

Selbst in Deutschland – nicht gerade ein Markt unverbesserlicher Early-Adopter – schafften WLAN-Internetradios bereits den Sprung in die Discounterketten wie Tchibo, Real und Lidl. Elektroniksortimenter wie Reichelt und Conrad bieten solche Internetradios zu Mitnahmepreisen von 50 Euro an.

LTE- statt WLAN-Radio?

Mit dem politischen Ziel des flächendeckenden Breitbandausbaus, wie er im Konjunkturpaket II der Bundesregierung beschlossen wurde, werden per Funk künftig Internetzugänge in größeren Versorgungsradien und mit ordentlichen Datenübertragungskapazitäten bereit stehen.

Die UMTS-Nachfolgetechnik LTE soll das Funk-Internet auf die Erfolgsschiene schieben.
LTE bietet wenigstens 150 Megabit pro Funkzelle und somit vielfach mehr Daten-Bandbreite als heute UMTS und HSDPA. Nutzbare Bandbreiten von 2 bis 5 Megabit wären möglich. Dabei ist das Schließen der bestehenden Breitbandversorgungslücken der erste Schritt. Letztlich soll das Funk-Internet die Fläche erobern.

Die notwendige Hardware (Modem, PC-Module) erwartet man hingegen erst Anfang 2011. Ob autarke LTE-Radioempfänger als mobiles äquivalent zu WLAN-Internetradios ein Marktpotenzial haben, ist heute noch nicht absehbar.

Internet im Auto ist 2016 normal

Die Automobilhersteller werden jedenfalls bereit sein, dem Autofahrer Internetdienste anzubieten. Laut einer Gartner-Studie werden die Autobauer ab 2012 bereits mehr als die Hälfte aller Neufahrzeuge mit der nötigen Anschlusstechnologie ausstatten.

Schon heute sind aktuelle Modelle von BMW online. Der Internetanschluss ist dabei Bestandteil des ConnectedDrive-Systems. Derzeit ist eine Internetnutzung auf den Vordersitzen während der Fahrt aus Sicherheitsgründen nicht vorgesehen. Und richtig schnell ist das Internet bei BMW auch dann nicht, wenn das Auto steht. Wegen der hohen Verfügbarkeit wird die EDGE-Technologie eingesetzt. EDGE ist so etwas wie ein Datenturbo für das langsame GPRS-Protokoll und schafft im Mittel rund 160 Kilobit pro Sekunde.

Selbst eine Autoflaterate gibt es bereits: „Wir bieten in Zusammenarbeit mit T-Mobile eine Flatrate für 12,50 Euro im Monat an”, erklärt BMW-Pressesprecher Daniel Schmidt. „Sicher ist die Frage der allerorten verfügbaren Verbindungsgeschwindigkeit auch der Flaschenhals für unsere Entwicklungen”, fügt er an. Mit dem 2007 erstmals gezeigten „Personal Radio”-Projekt, hat BMW seine Lösung für Webradioempfang und personalisierter, individueller Musikunterhaltung im Auto schon parat.

Die Analysten von Gartner kommen derweil zu dem Schluss, dass die „In-Vehicle-Konnektivität” für Konsumenten schon 2016 genauso wichtig sein wird, wie die Themen Fahrzeugsicherheit oder Energieeffizienz1.

Auch der Nachrüstmarkt geht online

Blaupunkt reagierte frühzeitig. Auf der Consumer Electronic Show Anfang 2009 in Las Vegas zeigten man die ersten Auto-Internetradios für den Nachrüstmarkt. Die Modelle New Jersey 600i und Hamburg 600i nehmen über eine Bluetoothverbindung Kontakt zu einem webgängigen 3G-Mobiltelefon auf und präsentieren die Programmauswahl des Portals von Miroamer. Die Verbindung ins Netz wird über das Handy per HSDPA hergestellt.

„Die beiden Radios kommen, ich glaube aber nicht an einem Verkaufsstart in 2009″, lässt Pressesprecher Simon Rabe durchblicken. Während das Auto-Internetradio auf seinen öffentlichen Auftritt wartet, bietet Blaupunkt als einer der Wegbereiter des Digitalradiostandards DAB, derzeit noch kein DABplus-fähiges Autoradio an: „Wir konzentrieren uns jetzt auf das Internetradio”, bekräftigt der Blaupunkt-Sprecher den eingeschlagenen Kurs.

Ein untauglicher Verbreitungsweg?

Fixe Verbreitungskosten kann das Internet den Radiomachern zwar nicht bieten, doch die Hoffnung auf weiter fallende Streaming-Preise scheint begründet zu sein. Derzeit liegen die Distributionskosten für Webradio bei einem Datentransferbedarf von 5.000 GB pro Monat zwischen 20 und 30 Cent pro GB.

Uwe Schnepf, Leiter der Abteilung New Media beim Streamingexperten Nacamar sieht bei einem moderaten Wachstum des Datenvolumens einen weiteren Preisverfall: „Die Gigabyte-Preise werden für Standardabnehmer in den kommenden zwei Jahren bis unter 10 Cent fallen. Für Mengenabnehmer wie TV-Anstalten fällt der Preis unter 5 Cent je GB.”

Unter der Bedingung eines weiteren, gesunden Wachstums des Datenvolumens sind Befürchtungen, das Internet könnte unter der Last des Datenverkehrs zusammenbrechen unbegründet:„Im Augenblick beobachten wir eine jährliche Verdoppelung der Streaming-Volumens.”, berichtet Uwe Schnepf und vor allem Videoanwendungen erzeugen hier die Last. Nacamar bringt unter anderem Dickschiffe wie die ZDF-Mediathek, den SWR und TV-Sendungen wie „Welt der Wunder” ins Netz.

Markenkraft kontra Seitensprung

Denkt man das Internetradio als Alternative zum klassischen Rundfunk weiter, wird die Sicherung der Markenpräsenz für das Überleben im Cyberspace entscheidend, gilt doch der „Seitensprung” heute als typisches Entdeckungsprinzip der Webradiohörer. Einmal durch Senderdatenbanken wie Radio.de, Vtuner.com oder Flycast in die endlosen Radio-Programmbestände des WWW geschickt, kehren die Hörer immer seltener zurück.

Eine Nutzungsstudie des WDR zeigte eindrücklich, dass WLAN-Internetradio-Besitzer dazu neigen, dem UKW-bekannten Stammsender dauerhaft untreu zu werden. Hierzu hat man zwei Teilnehmergruppen zur Webradionutzung aufgefordert. Eine Gruppe am PC und eine weitere Gruppe am WLAN-Webradio. Am Ende der Untersuchung hörten nur noch halb so viele WLAN-Webradiobesitzer die WDR-Programme, während der WDR bei den PC-Radiohörern immerhin noch 7 Prozent zulegen konnte.

[http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/03-2009_Windgasse.pdf]

Originalität und Regionalität als Chance

Sind die Programminhalte nicht beliebig und austauschbar, gelingt die Hörerbindung auch im Webradio. Die Regiocast hat mit dem Fußballradio 90elf eine nicht zu übersehende Online-Radiomarke aufgebaut. Dafür vertreibt der Sender sogar sein eigenes Internetradio. Die Stationstasten sind darin untrennbar mit den 90elf-Streams verbunden. An Fußballsamstagen werden Streams für bis zu 400.000 Hörer zeitgleich geliefert. Das Bundesligafinale 2009 verfolgten gar 600.000 Hörer. In der ersten Spielzeit zählte der Fußballsender 1,9 Millionen Hörerkontakte und spielt damit auch bei der Reichweite klar in der ersten Liga. „Das Internet findet seinen Weg”, kommentierte Erwin Linnenbach, Sprecher der Geschäftsführung der Regiocast achselzuckend in einem Interview mit dem Branchendienst Turi2.

Diese Erkenntnis reift auch bei regionalen Anbietern. Bei Radio Charivari in Regensburg glaubt der Internetleiter Thomas Harmsen, dass das Radio dort präsent sein muss, wo sich die Hörer hinbewegen: „Auf den iPhone können wir demnächst viele interaktive Zusatzdienste anbieten”, freut sich Harmsen. „Noch ist das alles etwas experimentell”, gibt Harmsen zu, glaubt aber, dass ein regionaler Programmanbieter im Netz mit regionalen Inhalten punkten kann: „Unsere Ostbayern-Nachrichten gibt es schon online.”

Verbindungsaufbau gescheitert

Versuche mit Radiobetreibern und Mobilfunkunternehmen zum Thema Kooperation ins Gespräch zu kommen gestalten sich höchst beschwerlich. Während die Radiobranche die Zukunftschancen eines Radio over IP bereits thematisiert, hat das Gros der Mobilfunkbetrieber die Aussicht, Teil einer künftigen Hörfunk-Verbreitung zu werden noch nicht im Blickfeld.

Die Kraft der eigenen Marke und die UKW-geprägte Hörerbindung sind allesamt Währungen mit schwachem Wechselkurs im Internet. Genau hier liegt das eigentliche Problem: Radio und Mobilfunk haben kein verbindendes Geschäftsmodell, keine gemeinsame Leitwährung an der sich die gegenseitige Nützlichkeit direkter Geschäftsbeziehungen einordnen lassen würde.

„Vodafone hat sein Angebot RadioDJ, eine interaktive Musik-Plattform, wegen mangelndem Nutzerinteresse wieder eingestellt”, erinnert sich Pressesprecher Thorsten Höpken an das hauseigene, radioartige Angebot für UMTS-Nutzer. Um Radiomarken die nötige Präsenz auf den Zugangsportalen zu verschaffen, fehlt den Mobilfunkern der Anreiz. Selbst für die im Mobilfunk gängigen Abo-Modelle, so argumentiert man bei Vodafone, gäbe es angesichts kostenloser UKW-Radios im Handy keinen tragfähigen Aufhänger. Letztlich sei aber nur mit Mehrwert ein Geschäft zu machen.

Ende offen

Mit dem Funk-Internet wird auch das Webradio künftig mobiler nutzbar. Noch scheint es allerdings so, als würden einzig Aggregatoren und Servicedienstleister Geld damit verdienen können. Es ist an der Zeit Strategien zu entwickeln, die darauf abzielen, das eigene Programm auch im Internet fest im Blickfeld der Hörer zu verankern.

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