Lokalradio: Ein Anker der Stabilität in Zeiten der Krise

„Immer wenn die Krise kommt, wird der Psychologe gerufen.“ Der Alltags- und Medienpsychologe Dirk Ziems von concept m in Berlin leitet mit dieser Feststellung seinen Vortrag über das Lokalradio, die neuen Medien und die Wirtschaftskrise ein und legt dann das Radio auf die Couch.

Das Radio unterscheidet sich von allen anderen Medien dadurch, dass es eine stabilisierende Wirkung auf die Gefühlsebene seiner Hörer hat, also ein Stimmungsmedium ist, stellt Dirks Ziems fest. Radio wird vor allem in Übergangssituationen des Alltags gehört. Dazu gehört die Fahrt von der Arbeit nach Hause oder das musikalische “Vorglühen” vor dem Weggehen am Abend. Die Musik aus dem Autoradio und ein launiger Moderator helfen den Stress der Arbeit zu vergessen und sich in eine andere Stimmung zu versetzen, die für den häuslichen Feierabend angemessen ist.

So ist Radio vor allem ein Medium, das von den individuellen Gefühlen und Situationen lebt, in denen sich die Hörer befinden, wenn sie das Medium rezipieren. Auf der anderen Seite wollen Radiohörer durch das Radio aber auch Neues aus aller Welt und ihrer Heimat erfahren. Daher schwankt der Hörfunk mehr als andere Medien zwischen den beiden Polen Selbstbezug und Weltbezug. Die Kunst besteht darin, so Ziems, diese beiden Pole auszugleichen, so dass sich der Hörer in seinem Bedürfnis nach emotionaler Stabilisierung genauso abgeholt fühlt, wie in seinem Bedürfnis, über alles in der Welt informiert zu werden.

Überhaupt ist das Radio ein Medium, das ständig um den Ausgleich zwischen verschiedenen Polen kämpfen muss. Der Hörer erwartet oft Widersprüchliches vom Programm. Wie etwa originelle Musik, aber gleichzeitig auch Hits, Moderatoren mit Ecken und Kanten, die auf der anderen Seite aber auch eine angenehme Wohlfühlstimmung verbreiten. Schwierig ist auch, das richtige Maß für die Eigenwerbung zu finden, die zwar wichtig für das Programm ist, aber vom Hörer durchaus als störend empfunden wird, wenn zu häufig eingesetzt. Diese Spannungsfelder gelten für den Lokalfunk ebenso wie für jedes andere Radioprogramm. Denn: „Lokalradio ist keine eigene Gattung sondern Mainstreamradio mit lokaler Komponente“, betont Ziems. Diese könne allerdings je nach regionaler Verortung sehr unterschiedlich ausfallen.

Ein Vergleich zentraler lokaler Werte, wie Heimatgefühl oder der Spiegelung von lokaler Identität, zwischen Berlin und Kiel habe gezeigt, dass sich hinter diesen Begriffen sehr unterschiedliches verbergen kann. Die Berliner fänden sich eher in einer prunkvollen Hauptstadtinszenierung mit einem gewissen anarchischen Element wieder. Dazu passe auch eine gewisse „Schnodrigkeit“ der Moderatoren. In Schleswig-Holstein hingegen könne man mit hauptstädtischer Großmannssucht und Anarchie sehr wenig anfangen. Hier setze man auf lokale Tradition und Bodenständigkeit. Beiträge über das Meer, die Schifffahrt und die Arbeiterkultur werden im Norden lieber gehört, als Berichte über ausschweifende Parties oder Hollywoodstars.

Gerade in Zeiten der Globalisierung und der Krise ist die Vermittlung heimatlicher Stabilität durch die Lokalradios besonders wichtig, so Ziems. Aus diesem Grunde müssten sich gerade Lokalradios keine zu großen Sorgen über die Konkurrenz der Internetradios machen. Formate wie Last.fm bieten zwar eine gewaltige Vielfalt, aber der Lokalradiohörer sucht im Radio ein lebendiges Gegenüber. Genau das kann die „seelenlose Zufallsmaschine“ Internetradio meist nicht bieten, um Internetradios bilden sich eher globale Special-interest-communities.

Für Lokalradios bedeutet das, wie Ziems seinem Vortrag abschliesst, den Hörern angesichts der Krise vor allem Stabilität zu bieten. Ein Lokalradio dürfe zwar nicht so tun, als ob es die Krise vor Ort nicht geben würde. Aber man könne zeigen, dass die lokalen Sicherheitsnetzwerke immer noch funktionieren und bestimmte heimatliche Sicherheiten auch durch die Krise nicht aus den Angeln gehoben würden. „Das Lokalradio kann in Zeiten der Krise für seine Hörer ein Anker der Stabilität sein“, meint Ziems. Wenn der lokale Hörfunk diese Funktion ausfüllt, müsse er sich keine Sorgen um die Zukunft machen.

Verfasser: Sebastian Strube

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